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Der Global Crop Diversity Trust: Rückgrat der globalen Agrobiodiversitätsstrategie

Die Ernährungssicherung für eine wachsende Weltbevölkerung steht angesichts multipler Krisen unter Druck. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, geopolitische Instabilitäten und globale Lieferkettenrisiken erfordern belastbare Systeme – und das beginnt mit der Erhaltung genetischer Ressourcen. Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei der Global Crop Diversity Trust (Crop Trust) – eine unabhängige internationale Stiftung mit Sitz in Bonn, die Genbanken überall auf der Welt finanziell und technisch unterstützt, die Vielfalt von Kulturpflanzen zu bewahren und diese für Forschung, Züchtung und landwirtschaftliche Praxis zur Verfügung zu stellen.

Globale Struktur mit deutscher Verankerung

Der 2004 gegründete Crop Trust verfolgt das Ziel, ein effektives und langfristig tragfähiges globales System von Genbanken zu etablieren und zu finanzieren. Seit der Verlegung seines Hauptsitzes von Rom nach Bonn im Jahr 2013 ist Deutschland nicht nur Gastland, sondern auch einer der größten finanziellen Unterstützer der Organisation.

Zentrale Wirkmechanismen des Crop Trust sind:

  • das Stiftungsvermögen (Endowment Fund), aus dessen Erträgen Genbanken mit einzigartigen und bedeutenden Sammlungen dauerhaft finanziert werden,
  • die Förderung konkreter Projekte zur Sammlung, Charakterisierung, Dokumentation und Digitalisierung von pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft,
  • der Betrieb des Saatgut-Tresors auf Spitzbergen (Svalbard Global Seed Vault) gemeinsam mit Norwegen und dem nordischen Zentrum für genetische Ressourcen NordGen als Sicherheitskopie globaler Saatgutsammlungen.
CGIAR steht für Consultative Group on International Agricultural Research (Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung). Als globale Forschungspartnerschaft setzt sich CGIAR für eine ernährungssichere Zukunft ein. Sie umfasst heute 15 Forschungszentren auf fünf Kontinenten und arbeitet mit Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und der Privatwirtschaft zusammen. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten werden öffentlich zugänglich gemacht und sind nicht patentierbar, was die Verbreitung und breite Anwendung der Ergebnisse ermöglicht.

Genetische Vielfalt als Basis resilienter Ernährungssysteme

Die genetische Vielfalt landwirtschaftlich genutzter Pflanzen ist essenziell für die globale Ernährungssicherheit, um sie breit aufzustellen und resilient gegenüber ständig wachsenden Herausforderungen zu machen. Darüber hinaus ist sie ein bedeutender Innovationstreiber für die Pflanzenzüchtung. Doch diese Vielfalt ist zunehmend gefährdet. 

Der Crop Trust begegnet diesem Verlust mit einem systemischen Ansatz, der die konservatorische Sicherung mit der praktischen Nutzbarmachung genetischer Ressourcen verknüpft. Die Stärkung internationaler Sammlungen – insbesondere derjenigen der CGIAR-Zentren – ist dabei ein zentraler Baustein. Allein in diesen Sammlungen lagern über sechs Millionen Saatgutproben, darunter zahlreiche Landsorten, alte Kultivare und Wildverwandte.

IM INTERVIEW 

Stefan Schmitz, Geschäftsführer Crop Trust

„Genbanken sind keine Museen, sondern Innovationszentren für die Ernährung der Zukunft.“


Angesichts sich weltweit ändernder klimatischer Bedingungen: Welche Rolle spielt die genetische Vielfalt in internationalen Genbanken konkret für die künftige Pflanzenzüchtung – und wo sehen Sie dabei derzeit die größten Lücken oder ungenutzten Potenziale?

Landwirtschaft war immer schon biotischem und abiotischem Stress ausgesetzt. Die Vielfalt der Kulturpflanzen und ihrer wilden Artverwandten mit ihrem schier unerschöpflichen Genpool war immer schon eine entscheidende Lebensverssicherung der Menschheit. Nur der Rückgriff auf diese Vielfalt machte es uns möglich, in der Auseinandersetzung mit sich ändernden Umweltbedingungen, mit neuen Pflanzenkrankheiten und Schädlingen ebenso wie mit wechselnden Klima- und Bodenbedingungen zu bestehen. Der Klimawandel verstärkt nun die Notwendigkeit des Rückgriffs auf diese Vielfalt. Diese Diversität auf Ebene der Pflanzenarten und auf genetischer Ebene geht jedoch nicht nur in den Feldern verloren, sondern sie ist auch in der Natur, der Heimat der Wildarten, sehr ernsthaft bedroht. Umso wichtiger ist es daher, diese Diversität zumindest in Genbanken zu erhalten und sie für Forschung und Züchtung verfügbar zu machen. Traurigerweise sind aber sehr viele Genbanken, vor allem im globalen Süden, dramatisch unterfinanziert und in einem katastrophalen Zustand. Ist eine bestimmte Erbinformation, die in einer dort gelagerten alten Saatgutprobe enthalten ist, erst einmal verloren, dann ist sie für immer verloren. Vielleicht hielt gerade diese eine Erbinformation einen entscheidenden Schlüssel zur Lösung von Ernährungsproblemen. Wir berauben uns gerade ganz wichtiger Entwicklungspotenziale. 

 

Der Crop Trust verfolgt das Ziel eines dauerhaft finanzierten globalen Genbank-Systems. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen – rein finanzieller Natur oder eher im politischen Willen zur Zusammenarbeit?

Beide Herausforderungen gehen leider Hand in Hand. Mangelnde Einsicht in die Bedeutung pflanzengenetischer Ressourcen und unzureichende Finanzierung ihrer Konservierung waren schon in den letzten Jahrzehnten beklagenswert. Nun scheinen sich die Dinge genau in die falsche Richtung zu bewegen. Die aktuell zu beobachtende Erosion des Einsatzes für unsere globale Zukunft macht mir große Sorgen. Depriorisierung internationaler Zusammenarbeit und „nachhaltiger Entwicklung“ findet auf breiter Ebene statt und bedrohen auch das globale Genbankensystem. Dabei gibt es kaum einen Lebensbereich, in dem wir so von offenen Grenzen, globaler Zusammenarbeit und Finanzierung sowie wissensbasierter Innovation abhängig sind wie im Bereich der Konservierung pflanzengenetischer Ressourcen und ihrer Nutzung für Landwirtschaft und Ernährung.

 

Wie bewerten Sie die Rolle neuer molekularer Technologien (z. B. Genomsequenzierung, KI in der Selektion) im Kontext der Genbanknutzung – und verändert das auch Ihre strategische Ausrichtung als Institution? 

Genbanken sind keine Museen, sondern Innovationszentren. Neue Technologien helfen, diese Funktion von Genbanken zu stärken und ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Der Nutzen solcher Technologien zeigt sich auf zwei Ebenen. Erstens helfen sie enorm bei der „Bestandsaufnahme“ der in Genbanken gelagerten Bestände und bei der Bereitstellung von Informationen, welche Erbinformationen in bestimmten Saatgutmustern in bestimmten Genbanken überhaupt gelagert sind. Zweitens revolutionieren diese Technologien den Züchtungsprozess und damit auch die Möglichkeiten, die in Genbanken gelagerten Schätze in Wert zu setzen. Ausgehend von seinen langjährig erworbenen Kompetenzen im Aufbau von Genbanken-Informationssystemen sehe ich die strategische Rolle des Crop Trust vor allem als Vermittler zwischen den beiden genannten Ebenen, das heißt zwischen der angebotsseitigen Aufwertung von Genbanken und der gesteigerten Nachfrage nach in Genbanken gelagerten Ressourcen. 

Von der Erhaltung zur Nutzung: pflanzengenetische Ressourcen in Forschung und Züchtung

Genetische Ressourcen für Forschung und Züchtung verfügbar zu machen, ist nach der Bewahrung dieser Ressourcen das zweite zentrale Anliegen des Crop Trust. Die Integration digitaler Zugangssysteme, die Erschließung von Sammlungen wildverwandter Arten sowie die Verbesserung von Datenstandards stehen dabei im Fokus.

Ein Beispiel dafür ist das internationale Programm BOLD (Biodiversity for Opportunities, Livelihoods and Development), das in enger Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Leibniz-Institut IPK Gatersleben umgesetzt wird. Ziel ist es, die globale Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen in der praktischen Pflanzenzüchtung zu erleichtern – ein entscheidender Faktor zur Entwicklung resilienter Sorten mit verbesserten agronomischen Eigenschaften (z. B. Trockenheitstoleranz, Krankheitsresistenz, Nährstoffeffizienz).


Das Endowment-Modell: Finanzielle Absicherung genetischer Infrastruktur

Der operative Kern des Crop Trust ist ein dauerhaft angelegtes Stiftungsvermögen, dessen Erträge die Unterstützungsleistungen für wichtige Genbanken sicherstellen. Im Jahr 2025 umfasst dieses Vermögen rund 360 Mio. US-Dollar. Zielgröße ist 600 Mio. US-Dollar bis 2030, um kritische Infrastrukturen der Saatgutlagerung unabhängig von politisch oder wirtschaftlich volatilen Rahmenbedingungen abzusichern.

Deutschland leistet hierbei einen wesentlichen Beitrag: Mit 83 Mio. US-Dollar an Einzahlungen in das Stiftungsvermögen seit 2007, davon 20 Mio. US-Dollar im Jahr 2024, zählt die Bundesrepublik zu den wichtigsten Gebern.

Politische Relevanz: Ernährungssicherung als globale Verantwortung

Die Arbeit des Crop Trust ist ein herausragendes Beispiel für funktionierende interanationale Zusammenarbeit zur Sicherung globaler Gemeingüter. Seine Einbindung in den Internationalen Saatgutvertrag und weitere globale Regelwerke bietet klare Orientierung für nationale Agrar- und Umweltpolitiken. Zwei zentrale Implikationen lassen sich für politische Entscheidungsträger ableiten:

  1. Ernährungssicherung erfordert vorausschauende Investitionen. Die Finanzierung von Genbanken ist eine strategische Vorsorgemaßnahme gegen zukünftige Ertragseinbrüche und Versorgungsrisiken.
  2. Internationale Kooperation ist wirksam. Der Crop Trust demonstriert, dass gemeinsame Verantwortung für genetische Ressourcen global tragfähig organisiert werden kann.

Der Crop Trust in Zahlen (Stand: 2025)

  • Gründung: 2004
  • Sitz: Bonn, Deutschland
  • Stiftungsvermögen: ca. 360 Mio. USD 
  • Unterstützungsleistungen: gegenwärtig ca. 10 Mio. USD p. a. aus Kapitalerträgen und weitere ca. 10 Mio. USD aus Projektmitteln
  • Dokumentierte Saatgutproben in Genesys: ca. 4,5 Mio. weltweit
  • Backups: u. a. im Svalbard Global Seed Vault, Norwegen

Deutschlands Engagement

  • Gesamteinzahlungen in das Stiftungsvermögen (2007–2045): 83 Mio. USD
  • Weitere Leistungen: 28 Mio. USD Projektmittel über KfW, GIZ und BLE sowie operative Unterstützung am Dienstsitz Bonn

Nicole Ickstadt

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