Sorten und Saatgut als strategische Ressource

Vielfalt in der Landwirtschaft ist eine Frage langfristiger Vorsorge

Die Stabilität von Agrar- und Ernährungssystemen wird mittlerweile unter veränderten Vorzeichen diskutiert. Klimatische Verschiebungen, geopolitische Spannungen und steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit und Effizienz wirken gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig. In diesem Spannungsfeld rückt die Frage nach Resilienz in den Mittelpunkt. 

Strategische Bedeutung wird unterschätzt

Die strategische Bedeutung von Sorten und Saatgut wird im politischen und gesellschaftlichen Diskurs häufig unterschätzt bzw. gar nicht erst mitgedacht. Nicht selten gelten sie als verfügbar, austauschbar oder kurzfristig beschaffbar. Tatsächlich ist ihre Leistungsfähigkeit aber eng an standortspezifische Bedingungen gebunden: an Boden, Klima, Wasserverfügbarkeit und regionale Produktionssysteme. Diese Rahmenbedingungen verändern sich zunehmend – durch Extremwetterereignisse, neue Schaderreger und langfristige klimatische Entwicklungen.

In der Pflanzenzüchtung werden diese Veränderungen frühzeitig antizipiert und in verbesserte Sorten übersetzt. Aber: Pflanzenzüchtung ist kein reaktives Instrument zur Bewältigung akuter Krisen, sondern eine Form strategischer Vorsorge mit langen Vorläufen. Zwischen einer züchterischen Entscheidung und der breiten Nutzung einer Sorte vergehen in der Regel zehn bis fünfzehn Jahre. Ungünstige politische Rahmenbedingungen oder unterlassene Investitionen wirken sich also nicht kurzfristig, sondern zeitverzögert und im schlimmsten Fall gravierend auf die Versorgungssicherheit aus.

Zukünftige Sorten müssen eine Vielzahl von Anforderungen gleichzeitig erfüllen: Sie sollen Erträge auch unter zunehmend stressbehafteten Bedingungen stabilisieren, Ressourcen effizienter nutzen, neuen Pflanzenkrankheiten und Schädlingen begegnen und zugleich qualitative sowie marktrelevante Erwartungen erfüllen. Solche Eigenschaften entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis kontinuierlicher Forschung, gezielter Selektion und der Nutzung einer verfügbaren, breiten genetischen Basis. Vielfalt ist dabei kein Selbstzweck, sondern die zentrale Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit und Innovationsfähigkeit.


Innovationssystem Pflanze im sicherheitspolitischen Kontext

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Innovationssystem Pflanze besondere sicherheitspolitische Bedeutung. Die Leistungsfähigkeit von Sorten und Saatgut entsteht im Zusammenspiel von Züchtung, Forschung, landwirtschaftlicher Praxis, Verarbeitung sowie verlässlichen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Wird dieses System geschwächt oder fragmentiert, entstehen strukturelle Verwundbarkeiten, die sich weder durch Importe noch durch kurzfristige Marktmechanismen ausgleichen lassen.

Pflanzenzüchtung als Teil der Sicherheitsarchitektur

BDP-Schreiben an Bundeskanzler Friedrich Merz

Vor dem Hintergrund der Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrats hat der BDP im September 2025 den Bundeskanzler darauf hingewiesen, dass Sorten und Saatgut eine sicherheitsrelevante Grundlage der Versorgung darstellen.

In den bisherigen Überlegungen zur Ausgestaltung eines Nationalen Sicherheitsrats sind die Ressorts Landwirtschaft und Forschung nicht vorgesehen. Der BDP regt an, die Pflanzenzüchtung über einen ständigen Beobachterstatus in den Nationalen Sicherheitsrat einzubeziehen – sei es durch die Ressorts Landwirtschaft und Forschung oder direkt durch Fachvertreter. Dies würde gewährleisten, dass Fragen der Ernährungssicherheit, der biotechnologischen Souveränität und der strategischen Versorgung gleichberechtigt behandelt werden.

Eine vorausschauende Agrar-, Ernährungs- und Innovationspolitik muss dies berücksichtigen. Kurzfristige Krisenreaktionen reichen nicht aus, um die Anpassungsfähigkeit von Agrar- und Ernährungssystemen dauerhaft zu sichern. Erforderlich sind langfristig angelegte Forschungs- und Innovationsstrategien, ein kohärenter und innovationsfreundlicher Rechtsrahmen sowie verlässliche Investitionsbedingungen für Züchtungsunternehmen. Regulierung und Förderung müssen dabei zusammenspielen, um Innovationsprozesse zu ermöglichen bzw. zu beschleunigen.

Sorten und Saatgut sind damit weit mehr als landwirtschaftliche Produktionsfaktoren. Sie sind eine strategische Ressource im sicherheitspolitischen Sinne, deren Wirkung sich über Generationen entfaltet. Wer in pflanzliche Vielfalt investiert, stärkt nicht nur landwirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern auch staatliche Handlungsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität. In einer Welt wachsender Unsicherheiten ist diese Form der Vorsorge kein Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil moderner Sicherheitsarchitektur.

Container for the dynamic page

(Will be hidden in the published article)