Unsere Verantwortung für die Demokratie


Liebe Leserinnen und Leser,

Wahlen verändern politische Mehrheiten. Manchmal verschieben sie vertraute Kräfteverhältnisse, manchmal zeigen sie, wie tief gesellschaftliche Veränderungen inzwischen reichen. Vor allem aber mahnen sie uns, genau hinzuschauen: auf das, was unser demokratisches Gemeinwesen zusammenhält – und darauf, was wir selbst dazu beitragen können.

Auch wir als Wirtschaftsverband müssen uns damit auseinandersetzen. Unsere Aufgabe ist es, die Belange der Pflanzenzüchtung und des Saatenhandels in Politik und Gesellschaft einzubringen. Dafür suchen wir das Gespräch, werben für unsere Positionen und setzen uns mit anderen Auffassungen auseinander. Nicht jeder politische Vorschlag muss uns gefallen, nicht jedes Argument überzeugen. Eine lebendige Demokratie hält Unterschiede aus. Mehr noch: sie braucht sie.

"Offen zu sein für unterschiedliche politische Positionen bedeutet nicht, gegenüber den Grundlagen unserer Demokratie gleichgültig zu werden."

Doch die Freiheit, unterschiedlicher Meinung zu sein, bedeutet nicht, dass alles zur Disposition steht. Recht muss gelten, Institutionen müssen tragen. Menschen verdienen Respekt – unabhängig von ihrer Herkunft, ihren Lebensentwürfen oder ihren Überzeugungen. Und Erkenntnisse und Fakten müssen auch dann zählen, wenn sie nicht in das eigene Weltbild passen.

Für die Pflanzenzüchtung sind diese Grundsätze keineswegs abstrakt. Sie bestimmen die Bedingungen, unter denen unsere Branche arbeiten und langfristig investieren kann. Pflanzenzüchtung ist Arbeit an der Zukunft. Wer heute eine Kreuzung vornimmt, weiß nicht, wie die Welt aussehen wird, wenn daraus ein Jahrzehnt später eine neue Sorte entstanden ist. Welche klimatischen Bedingungen werden herrschen? Was werden Landwirte brauchen? Welche neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten werden wir haben? Zukunft lässt sich nicht vorhersagen. Trotzdem investieren unsere Unternehmen in sie – mit Wissen, Ausdauer, Kapital und einer gehörigen Portion Zuversicht.

Diese Zuversicht braucht ein Fundament. Forschung braucht Freiheit. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Innovation braucht Offenheit. Eine international vernetzte Branche lebt vom Austausch über Grenzen hinweg. Und ein mittelständisch geprägter Wirtschaftszweig muss sich darauf verlassen können, dass nicht Macht oder Lautstärke entscheiden, sondern Regeln gelten, die für alle verbindlich sind.

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind deshalb Voraussetzungen dafür, dass unsere Mitglieder das tun können, was sie am besten können: Neues schaffen und Antworten auf Herausforderungen entwickeln, deren Ausmaß wir heute noch nicht kennen. Damit leisten sie ihren Beitrag dazu, unsere Versorgung auch in Zukunft zu sichern.

Mit unserem Leitbild für den politischen Dialog haben wir beschrieben, nach welchen Grundsätzen wir unsere Interessen vertreten wollen. Es sagt nicht, welche politischen Auffassungen unsere Mitglieder haben sollen. Und es nimmt ihnen die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen nicht ab. Es macht aber deutlich, wofür wir als Verband stehen und auf welcher Grundlage wir mit Politik im Gespräch sind. Gerade in Zeiten politischer Veränderungen ist diese Orientierung wichtig.

Denn Offenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Wir nehmen unterschiedliche Positionen ernst, werben für unsere Überzeugungen und setzen auf die Kraft guter Argumente und belastbarer Fakten. Das setzt jedoch gemeinsame Regeln voraus. Wo Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und die Grundprinzipien unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung missachtet oder bewusst infrage gestellt werden, ist für uns eine Grenze erreicht. Was Vielfalt und politischen Austausch erst möglich macht, müssen wir gemeinsam bewahren.


Herzliche Grüße

Stephanie Franck 
Vorsitzende

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