Vorsorge ist eine Führungsverantwortung


Liebe Leserinnen und Leser,

unsere Reise auf Einladung des Global Crop Diversity Trust zum globalen Saatguttresor nach Spitzbergen endete vorzeitig in Tromsø. Nicht aus organisatorischen Gründen, sondern wegen prekärer Wetterverhältnisse. Der Pilot traf eine sachliche Abwägung unter Unsicherheit. Er entschied, bevor sich eine Gefährdung realisierte. Genau das unterscheidet professionelle Steuerung von bloßer Reaktion: Gefahren werden nicht erst gemanagt, wenn sie eingetreten sind – sie werden berücksichtigt, solange noch Handlungsspielraum besteht.

Dieser Vorgang verweist auf ein grundlegendes Führungsprinzip und betrifft auch staatliches Handeln: Potenzielle Belastungen sind politisch relevant, bevor sie eintreten. Wer Verantwortung trägt, organisiert Vorsorge strukturell – nicht situativ.

Vielleicht gibt es Menschen, die glauben, dass der Svalbard Global Seed Vault eine symbolische Einrichtung am Rand der Welt ist. Mitnichten! Er ist Teil einer globalen Vorsorgearchitektur. Seine Existenz beruht auf der nüchternen Annahme, dass Agrar- und Ernährungssysteme verletzlich sind. Ernten können ausfallen. Lieferketten können unterbrochen werden. Politische, klimatische oder technologische Entwicklungen können landwirtschaftliche Grundlagen beeinträchtigen. Vorsorge bedeutet, systematisch Puffer und Optionen vorzuhalten. Darin liegt der Unterschied zwischen Improvisation und Stabilität. Auch pflanzengenetische Ressourcen sind Bestandteil dieser Sicherheitsarchitektur und damit verbunden eine ureigenste hoheitliche Aufgabe des Staates. 

Genbanken, kontinuierliche Züchtungsarbeit sowie Kulturarten- und Sortenvielfalt erhöhen die Anpassungsfähigkeit des Systems. Sie erweitern den Handlungsspielraum unter veränderten klimatischen, biologischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen. Landwirtschaft operiert in einem offenen, hochkomplexen Gefüge – meteorologisch, biologisch, ökonomisch und geopolitisch zugleich. Wer hier ausschließlich Effizienz maximiert, reduziert Redundanz – und damit Anpassungsfähigkeit. Wer Vielfalt erhält, schafft belastbare Optionen und bietet Lösungen im Krisenfall an.

Der geplante Svalbard Dialogue mit Vertreterinnen und Vertretern internationaler Organisationen, der Wirtschaft sowie der norwegischen und deutschen Regierung sollte das Herzstück dieser Ausgabe der BDP-Nachrichten darstellen. Auch wenn wir darüber und über die Einlagerung von Saatgut aus verschiedenen Institutionen weltweit nicht wie vorgesehen persönlich und mit eigenen Bildern berichten können, ändert das nichts am Kern. Das Thema selbst bleibt von zentraler Bedeutung.

Natürlich hätte ich den Saatguttresor gern gesehen, das ist aber unwichtig. Denn mir bleibt die Erkenntnis: Professionalität zeigt sich nicht darin, einen Plan unbedingt umzusetzen, sondern darin, ein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, verantwortungsvoll zu handeln und gegebenenfalls rechtzeitig umzusteuern. Vorsorge heißt, Risiken ernst zu nehmen, bevor sie zum Problem werden.

Genbanken sind genau diese Vorsorge. Sie sind die strukturellen Sicherheitsmargen unserer Landwirtschaft und somit unseres Ernährungssystems. Sie sichern Handlungsfähigkeit unter veränderten Bedingungen – und es ist politische Verantwortung, diese Spielräume langfristig zu erhalten.

Herzliche Grüße

Carl-Stephan Schäfer


Lassen Sie uns Feedback da.

Wir freuen uns über Ihr Feedback zu den aktuellen BDP-NACHRICHTEN. Teilen Sie uns gerne Ihre Meinung zu Inhalten, Gestaltung und Aufbereitung mit – sowie Ihre Anregungen für kommende Ausgaben.

Feedback geben

Nächster Artikel

IM FOKUS

Pflanzenzüchtung als organisierte Vorsorge
Weiter