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Carl-Albrecht Bartmer, Urururenkel von Julius Kühn und langjähriger Präsident der DLG e.V., hielt einen sehr persönlichen Vortrag über seinen berühmten Vorfahren. Er zeichnete das Bild eines Forschers, der mit Fokussierung, Fleiß und Demut an seine Aufgaben ging – und selbst in Krisenzeiten den Mut nicht verlor.
Bartmer schlug dabei den Bogen in die Gegenwart: Wie schon zu Kühns Zeiten steht unsere Gesellschaft vor tiefgreifenden wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Innovation und Verantwortung seien damals wie heute die entscheidenden Leitmotive, um Antworten auf Ressourcenknappheit, Klimawandel und Versorgungssicherheit zu finden. Unsere Aufgabe, so Bartmer, liege darin, den Nutzen für die Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen – in einer Zeit, in der weltweit noch immer viele Produktionssysteme wenig nachhaltig sind und die Versorgungssicherheit unter Druck steht.
Sein Vortrag zeigte eindrücklich, dass Fortschritt immer mehr ist als technische Leistung – er ist eine Frage der Haltung.
Ewiger Roggenanbau
1865 errichtete Julius Kühn eine „Versuchsstation des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle“ mit einem 115 ha großen Versuchsfeld. Dieses Versuchsfeld ist bis heute in Betrieb (Ewiger Roggenanbau) und gilt als ältester Dauerfeldversuch Deutschlands und zweitältester weltweit.
Dieser Feldversuch ist von enormer wissenschaftsgeschichtlicher, kultureller und naturwissenschaftlicher Bedeutung und steht als „Kulturdenkmal“ unter behördlichem Schutz.
Der Versuch war ursprünglich nicht als Züchtungsprojekt angelegt, liefert aber bis heute Daten zu Bodenentwicklung, Ertragstrends und Pflanzenreaktionen über Generationen hinweg. Für moderne Züchter bietet er ein einzigartiges Fenster in langfristige Pflanzen-Boden-Interaktionen und Umweltresilienz – ein Kernthema für klimaangepasste Sortenentwicklung – und liefert eine zentrale Erkenntnis: Kurzfristige Versuche reichen allein nicht aus. Um Stabilität, Adaptivität und Leistung über Jahre hinweg zu testen, sind Dauer- und Feldversuche über mehrere Generationen notwendig — insbesondere im Hinblick auf Veränderungen bei Umweltbedingungen und Druck durch Pathogene.
Leben und Wirken von Julius Kühn
Julius Kühn gilt als einer der Begründer der modernen landwirtschaftlichen Forschung und des Pflanzenschutzes in Deutschland. Mit seinem außergewöhnlichen Gespür für praktische Abläufe in der Landwirtschaft und seiner Leidenschaft für Forschung verband er auf einzigartige Weise wissenschaftliche Erkenntnis mit landwirtschaftlicher Praxis. Sein Wirken umfasste zahlreiche Bereiche der Agrarwissenschaften, darunter Pflanzenbau, Tierzucht, Agrarökonomie und insbesondere den Pflanzenschutz.
Ein herausragendes Beispiel seiner Forschung ist die Entdeckung des Rübenzystennematoden (Heterodera schachtii) als Ursache der sogenannten „Rübenmüdigkeit“ im Zuckerrübenanbau. Auf Basis langjähriger Untersuchungen entwickelte Kühn das Fangpflanzenverfahren zur biologischen Bekämpfung dieses Schädlings. Dieses Verfahren führte in kurzer Zeit zu einer deutlichen Ertragssteigerung und gilt als frühes Beispiel eines integrierten Pflanzenschutzes. Seine Erkenntnisse legten zudem die wissenschaftliche Grundlage für spätere Ansätze der Resistenzzüchtung und nachhaltiger Pflanzenschutzstrategien.
Im Jahr 1889 initiierte Kühn die Gründung der „Versuchsstation für Nematodenvertilgung Halle/Saale“, die ein Jahr später zur „Versuchsstation für Nematodenvertilgung und Pflanzenschutz“ erweitert wurde. Diese Einrichtung war die erste ihrer Art in Deutschland und gilt als Keimzelle der deutschen Phytopathologie. Halle entwickelte sich damit zur ersten wissenschaftlichen Forschungsstätte für Pflanzenkrankheiten im deutschsprachigen Raum. Kühn selbst leitete die Versuchsstation bis zu seinem Tod, unterstützt von seinem Stellvertreter Max Hollrung.
Kühns Arbeitsweise war geprägt durch die enge Verbindung von praktischer Erfahrung und wissenschaftlicher Methodik. Seine langjährige Tätigkeit in der Landwirtschaft bildete die Grundlage für seine empirische Forschung, die er mit mikroskopischen Untersuchungen untermauerte – was ihm den Spitznamen „Mikroskopenamtmann“ einbrachte. Er zeichnete sich durch organisatorisches Geschick, systematische Versuchsführung und die konsequente Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden aus. Als Hochschullehrer an der Universität Halle prägte er ganze Generationen von Agrarwissenschaftlern und schuf durch die Gründung des Landwirtschaftlichen Instituts (1863) die Basis für das universitäre landwirtschaftliche Studium in Deutschland.
Obwohl Kühn keine Forschungsreisen unternahm, besaßen seine Arbeiten große internationale Ausstrahlung. Seine Forschungsergebnisse beeinflussten die Entwicklung der Phytopathologie in Europa und den USA maßgeblich und trugen wesentlich dazu bei, die Pflanzenwissenschaften als eigenständiges, forschungsbasiertes Fachgebiet zu etablieren. Zu seinen wissenschaftlichen Brief- und Gesprächspartnern gehörten z. B. Alexander von Humboldt, Schleiden, Göppert, Cohn, Rabenhorst, Darwin, Caspary und Zeiss.
Für die Pflanzenzüchtung ist Julius Kühn von besonderer Bedeutung, da er früh die Verbindung zwischen Pflanzenschutz und Züchtung erkannte. Durch die Erforschung pflanzlicher Stressursachen, die Entwicklung resistenzfördernder Kulturverfahren und die Etablierung wissenschaftlicher Methodik schuf er Grundlagen für die resistenzorientierte Züchtung und nachhaltige Produktionssysteme. Damit steht sein Lebenswerk beispielhaft für das integrative Denken, das auch heute noch die moderne Pflanzenzüchtung prägt.
Quelle: julius-kuehn.de
IM INTERVIEW
Prof. Dr. Frank Ordon,
Präsident Julius Kühn-Institut (JKI)
„Systemisch denken, langfristig forschen, praxisnah handeln – das Erbe Julius Kühns im JKI.“
Julius Kühn gilt als Begründer einer integrierten Agrarwissenschaft, die Praxis, Forschung und Politik verbindet. Wie prägt dieser systemische Ansatz heute die Arbeit des JKI – insbesondere in der Züchtungsforschung?
Julius Kühn gilt wahrlich als Begründer einer integrierten Agrarwissenschaft, die wissenschaftliche Forschung, landwirtschaftliche Praxis und agrarpolitische Entscheidungsprozesse miteinander verbindet. Sein Verständnis von Landwirtschaft war systemisch geprägt: Er betrachtete pflanzenbauliche Prozesse, Pflanzenschutz, Bodenfruchtbarkeit, Züchtung und Umweltfaktoren als wechselseitig abhängige Komponenten eines übergeordneten agrarischen Gesamtsystems. Kühns Ziel war es, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht isoliert, sondern in enger Rückkopplung mit praktischer Erfahrung und politischer Steuerung nutzbar zu machen – ein Ansatz, der bis heute das Selbstverständnis des Julius Kühn-Instituts (JKI) in seiner Forschung entlang der gesamten pflanzlichen Produktionskette (Y=GxExM) im Agrarökosystem prägt. Ausgangspunkt der pflanzlichen Produktion ist das Saat- bzw. Pflanzgut, so dass der Pflanzenzüchtung bzw. der vorgelagerten Pflanzenzüchtungsforschung eine besondere Bedeutung bei der Lösung zukünftiger Herausforderungen zukommt. Hier beginnt die Arbeit des JKI mit der Evaluierung pflanzengenetischer Ressourcen und deren Nutzbarmachung unter Einsatz modernster Methoden und Techniken, um damit die Grundlagen für die Züchtung von Sorten mit verbesserten Resistenzeigenschaften gegenüber biotischem und abiotischem Stress sowie verbesserter Ressourceneffizienz zu legen. Die Forschungen des JKI wirken damit über die praktische Züchtung, d. h. neue Sorten, in die Praxis und tragen den Anforderungen von Politik und Praxis Rechnung. Ganz im Sinne von Julius Kühn.
Kühn setzte früh auf Langzeitversuche und Feldbeobachtungen – der „Ewige Roggenanbau“ ist ein Symbol für vorausschauende Forschung. Welche Bedeutung haben heute solche langfristigen, empirischen Ansätze für die Entwicklung klima- und krankheitsresistenter Sorten?
Das JKI betreibt im wesentlichen Vorlaufforschung, d. h. wir schätzen zukünftige Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Pflanzenproduktion ab und forschen wie Kühn vorausschauend, um Lösungen für die Probleme der Zukunft zu entwickeln, z.B. im Hinblick auf Krankheitsresistenz und Klimaresilienz. Für unsere Arbeiten brauchen wir jedoch keine hundertjährigen Versuche, da wir bei unseren züchterischen Arbeiten nicht den Einfluss langjähriger Düngungsmaßnahmen wie Kühn betrachten, jedoch ist trotz der heute zur Verfügung stehenden effizienten Genotypisierungs- und Phänotypisierungsfahren, der exakte mehrjährige Feldversuch, wie Kühn ihn eingeführt hat, für komplex vererbte Merkmale, wie Trockenstresstoleranz, Nährstoffeffizienz oder quantitative Resistenzen zwingend erforderlich - ebenso wie ein langer Atem, denn es ist ein weiter Weg vom Erkennen einer neuen züchterisch zu bearbeitenden Problematik, der Identifikation geeigneter genetischer Ressourcen, der Entwicklung entsprechender Marker und geeigneter Selektionsstrategien, bis hin zur neuen Sorte. Diese Ziele langfristig zu verfolgen, ist das Julius Kühn-Institut als Ressortforschungseinrichtung sehr gut aufgestellt. Dies zeigt z.B. die neue Rebsorte Calardis Blanc, deren Züchtung mehr als 2 Jahrzehnte gedauert hat, und die durch ihre ausgeprägte Resistenz in der Lage ist 70-80 % Pflanzenschutzmittel einzusparen.
Wie gelingt es dem JKI, seine Forschungsergebnisse zur Pflanzenzüchtung in die landwirtschaftliche Praxis und politische Entscheidungsprozesse zu überführen?
Als nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) ist die wissenschaftliche Beratung des Bundesministeriums und der Bundesregierung die ureigenste Aufgabe des JKI. Die Politikberatung erfolgt im JKI wissenschaftsbasiert auf der Grundlage eigener und mit Dritten vernetzter Forschung. Die Forschungsergebnisse fließen in nationale und europäische Gesetzgebungsverfahren, Strategien und Programme ein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des JKI sind in zahlreichen nationalen, europäischen und internationalen Gremien vertreten. Diese Beratung erfolgt in allen Kompetenzbereichen des JKI, d. h. Pflanzengenetik und -züchtung, Pflanzenschutz, Pflanzengesundheit, Bienenschutz, Waldschutz, Pflanzenbau und Bodenkunde. Mit seiner anwendungsorientierten Forschung und seiner intensiven Vernetzung im Agrarsektor stellt das JKI zudem eine wirkungsvolle Schnittstelle für den Wissens- und Technologietransfer in die Praxis dar. Die Forschungs- und Arbeitsergebnisse des JKI werden unter Nutzung verschiedener Medien zielgruppenorientiert aufbereitet und kommuniziert. Sie werden zeitnah durch Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften sowie in den Organen der landwirtschaftlichen Beratungsdienste und angewandten Agrarwissenschaften für die Praxis verfügbar gemacht. Die Züchtung betreffend wird eine Vielzahl unserer Forschungsprojekte - koordiniert von der GFPi - gemeinsam mit Züchtungsunternehmen durchgeführt, so dass hier ein direkter Praxisbezug gegeben ist, d.h. Ergebnisse aus der Züchtungsforschung des JKI werden direkt in der Sortenzüchtung genutzt. Auch in diesem Bereich sind wir auf den Spuren unseres Namensgebers.

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